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Dienstag, 22. Mai 2007

Die Geschichte von Herrn Müller
Das hier, das ist der Herr Müller. Der Herr
Müller kommt aus Aretsried, das liegt in
Bayern, also ganz im Süden. Der Herr Müller
ist ein Unternehmer. Und das, was in den
Fabriken von Herrn Müller hergestellt wird,
habt ihr sicher alle schon mal gesehen, wenn
ihr im Supermarkt wart.
Der Herr Müller stellt nämlich lauter Sachen
her, die aus Milch gemacht werden. Na ja,
eigentlich stellen die Kühe die Milch her,
aber der Herr Müller verpackt sie schön und
sorgt dafür, dass sie in den Supermarkt
kommen, wo ihr sie dann kaufen könnt.
Die Sachen, die der Herr Müller herstellt sind so gut, dass sogar der Herr Bohlen
dafür Werbung gemacht hat.
Weil der Herr Müller ein Unternehmer ist, hat er sich gedacht, er unternimmt mal
was und baut eine neue Fabrik. Und zwar baut er sie in Sachsen, das ist ganz im
Osten.
Eigentlich braucht niemand eine neue Milchfabrik, weil es schon viel zu viele davon
gibt ? und diese viel zu viele Milchprodukte produzieren ? aber der Herr Müller hat
sie trotzdem gebaut.
Und weil die Leute in Sachsen ganz arm sind und keine Arbeitsplätze haben,
unterstützt der Staat den Bau neuer Fabriken mit Geld. Arbeitsplätze hat man
nämlich im Gegensatz zu Milchprodukten nie genug.
Also hat der Herr Müller einen Antrag ausgefüllt, ihn zur Post gebracht und
abgeschickt. Ein paar Tage später haben ihm dann das Land Sachsen und die
Herren von der Europäischen Union in Brüssel einen Scheck über 70 Millionen Euro
geschickt. 70 Millionen, das ist eine Zahl mit sieben Nullen ? also ganz viel Geld.
Viel mehr, als in euer Sparschwein passt.
Der Herr Müller hat also seine neue Fabrik gebaut und 158 Leute eingestellt. Hurra,
Herr Müller!
Nachdem die neue Fabrik von Herrn Müller nun ganz viele Milchprodukte hergestellt
hat, hat er gemerkt, dass er sie gar nicht verkaufen kann, denn es gibt ja viel zu
viele Fabriken und Milchprodukte.
Na ja, eigentlich hat er das schon vorher gewusst, auch die Herren vom Land
Sachsen und der Europäischen Union haben das gewusst ? es ist nämlich kein
Geheimnis. Das Geld haben sie ihm trotzdem gegeben. Ist ja nicht ihr Geld,
sondern eures. Klingt komisch, ist aber so.
Also was hat er gemacht, der Herr Müller?
In Niedersachsen, das ist ziemlich weit im Norden, hat der Herr Müller auch eine
Fabrik. Die steht da schon seit 85 Jahren und irgendwann hatte der Herr Müller sie
gekauft. Weil er jetzt die schöne neue Fabrik in Sachsen hatte, hat der Herr Müller
die alte Fabrik in Niedersachsen nicht mehr gebraucht, er hat sie geschlossen und
175 Menschen haben ihre Arbeit verloren. Wenn ihr in der Schule gut aufgepasst
habt, dann habt ihr sicher schon gemerkt, dass der Herr Müller 17 Arbeitsplätze
weniger geschaffen hat, als er abgebaut hat. Dafür hat er 70 Millionen Euro
bekommen.
Wenn ihr jetzt die 70 Millionen durch 17 teilt, dafür könnt ihr ruhig einen
Taschenrechner nehmen, dann wisst ihr, dass der Herr Müller für jeden
vernichteten Arbeitsplatz über 4 Millionen Euro bekommen hat.
Da lacht er, der Herr Müller - natürlich nur, wenn
niemand hinsieht. Ansonsten guckt er ganz
traurig und erzählt jedem, wie schlecht es ihm
geht.
Aber der Herr Müller sitzt nicht nur rum, sondern
er sorgt auch dafür, dass es ihm besser geht.
Er ist nämlich sparsam, der Herr Müller . . .
Sicher kennt ihr die Becher, in denen früher die Milch von
Herrn Müller verkauft wurde. Die schmeckt gut und es
passten 500 ml rein, das ist ein halber Liter. Seit einiger Zeit
verkauft der Herr Müller seine Milch aber in lustigen
Flaschen, nicht mehr in Bechern. Die sind praktisch, weil
man sie wieder verschließen kann und sehen hübsch aus.
Allerdings sind nur noch 400 ml drin, sie kosten aber
dasselbe. Da spart er was, der Herr Müller ? und sparen ist
eine Tugend, das wissen wir alle.
Wenn ihr jetzt fragt, warum solche Leute wie der Herr Müller nicht einfach an den
nächsten Baum gehängt werden, dann muss ich euch sagen, dass man so etwas
einfach nicht tut.
Wenn ihr aber das nächste Mal im Supermarkt seid, dann lasst doch einfach die
Sachen vom Herrn Müller im Regal stehen und kauft die Sachen, die daneben
stehen. Die schmecken genauso gut, sind meistens billiger und werden vielleicht
von einem Unternehmer hergestellt, für den der Begriff "soziale Verantwortung"
noch eine Bedeutung hat. der
gute Herr Müller unterstützt angeblich seit Jahren die NPD
durch Parteispenden - die ist nämlich sein guter
Freund. Ein noch viel wichtigerer Grund die Sachen im
Regal stehen zu lassen!
Ach übrigens, da fällt mir ja ein, der Herr Müller will auch
Erbschaftsteuer sparen und hat daher beschlossen, seinen
Wohnsitz nach Österreich zu verlegen.
Eines sollte uns einigen: Nichts mehr von Müller-Milch auf den Tisch!!!
Wenn Ihr der gleichen Meinung seid, schickt diese eMail doch ein wenig durch die
Republik, damit alle Leute sehen, wo ihre mühsam erarbeiteten Steuergroschen
bleiben.

Montag, 14. Mai 2007

Susi

Jeder stand da und rührte sich nicht.

Ihre Augen rangen nach Luft.

Stevan war tot. Noch nie hatten wir ihn so gesehen.

Alle mochten ihn. Er war immer fröhlich. Er konfrontierte niemanden mit seinen Problemen. Er war einer von denen, die niemals zuließen, dass jemand ihn traurig, schwach oder gar krank sah. Ein Sunnyboy.

Mit halblangen blonden Haaren, Dreitagebart und laut herrschender Meinung „süßem Lächeln“

Nun lag er da und alle konnten sehen, dass auch er nicht mehr war, als das, was sie jeden Samstag auf dem Tisch hatten.

Ein Tier wie jedes andere auch. Die jungen Damen konnten diesen Beweis menschlicher Unwichtigkeit nicht länger ansehen, ohne zu würgen, sich zu übergeben, in Ohnmacht zu fallen oder einfach nervlich

am Ende und verstört, verrückt zu kreischen und zu heulen.

In dieser entfremdeten Welt. In dieser Zeit, in der sich die meisten Menschen als Kopie irgendwelcher Werbemodels verstehen

und sich wie Institutionen in Szene setzen, ist es natürlich ein Schock, wenn sich plötzlich beim Segeln und Becks trinken ein Riemen löst und eine Stange vom Wind angetrieben einen Menschen so zerschmettert, dass alles im Umkreis von drei Metern in eine bizarre Landschaft aus Blut und Knochen verwandelt wird und die Glieder mitsamt Schuhen, Ärmeln, Uhren und sonstigen Dingen dieses Bild an einen zersprungenen Spiegel erinnern lassen. 

Tod und Teufel! Da hat das Schicksal einen schlechten Tag gehabt!

Aber warum musste es ausgerechnet der kleinen Susi sein Gehirn

Ins Gesicht schleudern...

R. J. Storm

Der Teller im Fluss

Ein Mann kam eines Nachts nach Hause.

Zu seiner Hütte. Einer Blockhütte und seiner Frau. Er war gerade 60 Kilometer durch die Taiga gefahren, umschmeichelt von den äußerst ermüdenden Schatten von Gräsern, kleinen Hügelchen, gähnenden Mooren, Wäldchen und sehr sporadisch auftauchenden kleinen Lichtern, welche von Außenposten aus aufblitzten, die man nach näherer Betrachtung wahrscheinlich nicht der Zivilisation zugeordnet hätte.

Er kam gerade aus der letzten Stadt. Er war betrunken gewesen und hätte eigentlich am Tage zuvor schon um diese Uhrzeit Zuhause sein sollen. Er war irgendwo bei einem Landsmann untergekommen, der ihm gegenüber bis auf die Herkunft keinen Grund ihm zu vertrauen gehabt hatte. Aber so war es eben im Norden.

Er war todmüde und hatte das Gefühl, dass er allein froh war, dass er den langen Heimweg heil überstanden hatte.

Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend näherte er sich der Türe seiner Hütte. Er versuchte sich zu erinnern, welche Zeit die Uhr seines Pick-Ups angezeigt hatte, doch er hatte nicht nachgesehen und musste schätzen..

Ihm fiel dabei lediglich auf, dass es vollkommen zwecklos war. Es war einfach schon zu lange dunkel.

Er schloss mühelos die Tür auf. Die Gemütlichkeit, die der kleine Raum mit dem warmen Ofen für ihn ausstrahlte, fluffte über ihn wie eine Felldecke, die wohltuend schwer auf den müden Gliedern liegt und jede Einschlafzeit sofort halbiert. Er setzte sich auf seinen Sessel, der neben dem Ofen stand, legte die Beine auf den Sitzsack und war sofort weg. Selbstverständlich schlief er wie ein Toter. Sollte er etwas geträumt haben, dann war es wohl nicht mehr als die endlose Fahrt auf dieser endlosen, geraden Straße, über die die Scheinwerfer geglitten waren, erinnern konnte er sich nicht daran. Als er aufwachte, sah er seine Frau von hinten.

Sie stand am Herd und machte offensichtlich gerade Kaffee. Er genoss die Idylle noch einen Moment, bevor er sich bemerkbar machte.

Er dachte, sie würde bestimmt vorbei sein, wenn sie merkte, dass er wach war.

Schließlich stellte sie einen Kaffee auf den Tisch neben ihm und sah ihn freundlich an. Sie sagte nichts.

Sie sah den Kaffee an, dann ihn und zuckte mit den Brauen.

Er entschloss sich nichts zu denken und rappelte sich auf, um einen Schluck von dem gut duftenden Kaffee zu sich zu nehmen.

Ein taubes Gefühl machte sich unter seiner Kopfhaut breit und die Wärme des Kaffees ergoss sich in alle Glieder.

Wie eine Umarmung von innen. Er blickte zu seiner Frau auf, die da nun ihn musternd mit verschränkten Armen stand und liebte sie.

Sie habe die Besorgungen gezählt, erwähnte sie beiläufig. Wo denn die Patronen wären, fragte sie ohne Umschweife.

Sie wären aus gewesen, erklärte er unbeholfen und wirkte dabei nicht sehr glaubhaft. Was sie kochen solle, was sie aufhängen solle?

Was sie denn zum Geier außer Kartoffeln fressen sollten, schrie sie!

Nahm den Kaffee und warf ihn an die Wand. Dass der Tasseninhalt quer durchs Zimmer spritzte.

Da stand er auf und schlug sie! Eine Rückhand, die sich gewaschen hatte. Sie fiel um. Ihr Kopf verfehlte nur knapp die Tischkante.

Dann lag sie nur noch weinend da und er stand da und begriff nicht, was er da getan hatte. Eine Schelle schallte durchs Zimmer,

als er sich selbst die flache Hand ins Gesicht schlug. Sie schaute kurz auf und lachte hysterisch, bevor die Verzweiflung sie wieder übermannte und sie zitternd dem nächsten Heulkrampf unterlag. Er warf sich auf sie, umschloss sie mit den Armen, als ob er

versuchte, sie vor der Situation zu beschützen.

Sie wehrte sich nur kurz.

Er gehe jetzt angeln, flüsterte er, als sie beide später wie zwei vergessene Teebeutel auf der Sitzecke verteilt lagen.

Stumpf starrte sie vor sich hin.

Nachdem er sich umgezogen hatte, holte er einen großen, ovalen Teller aus der Küche und hielt ihn ihr vor die Nase.

"Heute Abend liegt für uns auf diesem Teller der beste Fisch, den wir jemals hatten", versprach er fröhlich. Doch sie saß da und brütete etwas aus.

Während er an ein zugegeben mageres Essen mit seiner Frau bei Kerzenschein dachte,

sah sie nur ihre Jugend an sich vorüber ziehen und fragte sich, wie sie an diesen Kerl geraten war. Was sie alles auf sich genommen hatte, um mit ihm jetzt hier zu sein. Ob sie an einen Weg ohne Entbehrungen glaubte, weiß ich nicht zu berichten.

Frauen, die etwas ausbrüten, verwirrten ihn nur und waren für ihn nicht zu durchschauen.

Als er am Fluss ankam, war es Nacht. Wie es schon seit Wochen Nacht war. Der schwarze Fluss glitzerte verheißungsvoll.

Er begann erst den Campinghocker zu entfalten, als der Schwimmer schon im Wasser seine Schneise zog.

Er zündete sich ein Pfeifchen an und sah und hörte skeptisch zu, was das Land um ihn herum so trieb.

Als ihm kalt wurde, trank er eine Tasse von dem Kaffee aus seiner Thermoflasche.

Tränen stiegen ihm in die Augen.

Er wischte sie weg. Immer noch kein Fisch.

Nach einer Stunde biss ein Fisch an. Es war ein sehr kleiner Fisch, der ihn kalt und hämisch anzulächeln schien.

Ohne Rücksicht auf diesen Eindruck warf er ihn mitleidig zurück in den Fluss. Außerdem wäre es gerecht gewesen, hätte der Fisch ihn wirklich so angeschaut, dachte er schweigend, als sich der kleine Mickerling im Schwarz verlor.

Es hatte keinen Sinn. Er ging nach Hause.

Er fand ein leeres Haus vor, aber es war ihm schon aufgefallen, dass sein Pick-up irgendwie fehlte.

Ein Riesenfisch schwamm in seinem Kopf herum. Er legte seine kühlen Hände auf sein Gesicht und schloss die Augen.

Hätte es etwas geholfen, hätte er versucht sich die Hand ins Ohr zu rammen, um den Fisch herauszuholen.

Er war ziemlich kaputt, als er den Zettel fand.

"Bin zu meiner Mutter gefahren, warte nicht auf mich!

Guten Appetit."

"So", dachte er sich, "wenn der Fisch nicht zum Teller kommt, kommt der Teller eben zum Fisch!"

Er packte den Teller, lief den Kilometer heulend zum Fluss und schleuderte ihn ins Wasser.

"Bevor der nächste Tag anbricht, schwimmt bestimmt ein toller Fisch über den Teller und ich habe doch recht behalten,

wenn schon alles andere, was ich je gesagt und gemacht habe, offensichtlich ein Fehler war."

Diese Geschichte ging mir durch den Kopf, als ich neulich einen Teller in einem Fluss liegen sah und sich ein Fisch genau diesen Ort ausgesucht hatte, um gegen die Strömung, wie wir es bestimmt alle schon einmal gesehen haben, auf der Stelle zu schwimmen. Fische mit Galgenhumor. 

Wie drollig.

R. J. Storm